Wir sinken.

Jedenfalls bilde ich mir das ein.

Und wälze mich deswegen Nachts im Schlaf hin und her, den Nachrichten unserer Zeit nicht entkommend: „Dax fällt“, „Dax steigt“, „Dax geht vom Gas!“, und ich werfe mich nach links, „Fitch senkt Spaniens Bonität“ und „Der Bail-out rückt näher!“, „Der Ifo-Index ist nicht so toll“, ich öffne kurz die Augen und wasche mir den Schweiß aus meinem Gesicht, einen energischen Schwung nach rechts später: „China senkt Leitzins“ und „USA droht AAA-Verlust“, mir wird leicht übel und außerdem meldet sich die Alte-Männer-Blase. Und während ich stehend darüber schlaftrunken sinniere, gleichzeitig beschließe, dass mir derartige Probleme eigentlich schräg am Sitzorgan vorbei gehen sollten, vergeht die diffus-albtraumartige Angst. Sie diffundiert quasi zusehends mit dem übermächtigen Gefühl der gerade eben erworbenen Erleichterung.

„Alles halb so schlimm“, murmle ich etwas resigniert auf den Rückweg ins Gemach, „habe ja kein Vermögen um welches ich mir Sorgen machen müsste“. Schalte dann aber, höchst wahrscheinlich zur unbewußten Selbstkasteiung, den Fernseher an. Der quäkt mich leicht trotzig aber strafend an und informiert mich, dass die Schufa, die Ratingagentur für den lässigen Normalverbraucher, gerade darüber grübelt, ob man die ganzen Social-Media-Daten der trotteligen Konsumenten nicht ebenfalls irgendwie abgreifen, zuordnen und analysieren könnte, und so die Bonitätsbewertung, der bei der Schufa erfassten Idioten, damit anreichern könnte. „Clever, diese Ärsche!“, denke ich mir und bekomme eine garstige Gänsehaut. Hauptsächlich wegen des Ekels.

Dann, kurz vorm finalen Aufmerksamkeitsverlust, kommt die Nachricht, die die gefühlte Sinkstimmung bis in das Unermässliche steigert: „Schlecker-Frauen als Erzieher? Für Arbeitsministerin von der Leyen bietet es sich daher an, die ehemaligen Schlecker-Mitarbeiter für diesen Bereich zu qualifizieren!“. Mir wird schwummrig, ich verliere langsam das Bewußtsein und flüster pflichtbewußt in mein herzförmig-beplüschtes Kopfkissen:

„Kaleu! Wir sinken. Mein Gott. Wir sinken!“.

Willkommen in der Ödnis.

Es passiert nichts. Gar nichts. Das Wetter pendelt sich Jahreszeitgemäß ein, ein paar rechte Vollspacken werden endlich Hops genommen, die gewöhnliche Schockreaktion der bürgerlichen Mitte tritt gewohnt schockiert ein, und der DAX flirtet aufgeregt mit der 6000ner Marke. Mittendrin sagt Berlusconi „‚tschüss ihr Idioten“, nicht ohne ein „mich seit ihr noch lange nicht los“ hinterher zu werfen. Die Griechen machen das, was Griechen heutzutage so machen, und wenn irgendwo „hausgemachtes Tiramisu“ angepriesen wird, kann es immer noch „Haben wir selbst geöffnet und auf den Teller gelegt“ bedeuten. Was soll man denn da schreiben? Obwohl…

Als ich letztens bei der routinemäßigen Augenuntersuchung ein ärztliches „Och ja, eigentlich alles super. Lesen Sie viel?“ bekam, und mich natürlich umgehend selbst befragte ob ich tatsächlich so dämlich aussehe, wie ich mich fühle, später dann bei einer Diskussion, nur aus Prinzip und klassisch grundlos, eine haltlose und grandios fehlinformierte, Gegenposition einnahm, mich dann anschließend eine Mischung aus Scham und wonnige destruktiver Wärme empfing, kam mir in den Sinn:

Bald ist Weihnachten! Ist das was? Genau! Finde ich auch.

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