Die Hex‘ ist tot!

Schluß. Aus. Vorbei. Ein ekelhafter Tyrann ist tot. Und viele seiner Sippe sind ihm gefolgt. Das ist gut.

Irgendwie darf das aber niemand wirklich so sagen. Haben wir uns doch schon bei Bin Laden belehren lassen müssen, das Rechtsstaatlichkeit ja für alle gelte, auf dem gesamten Globus, ob er wolle oder nicht, ob er das Leben selbst schätzt oder nicht. Kaum flirrten die verwackelten Smartphoneaufnahmen durch die tv-mediale Landschaft, kamen die zu Wort, die eben diese Werte anmahnen, für jeden, auch für so einen wie Gaddafi. Und mir wird unwohl.

Denn: Ist denn Gaddafis Ende nicht das Recht der Unterdrückten? Ist das Einfordern von rechtsstaatlichen Mitteln nicht zynisch, wenn es ausgerechnet um des Tyrannen Kopf geht? Ist der deutsche Pazifismus, so sympathisch er auch klingen mag, nicht pure Heuchelei, da die, die ihn offenherzig vertreten und fordern, unter eine über 60 Jahre andauernde Friedenskäseglocke hausen und schlichtweg vergessen haben, das jemand mit einer argumentationsfreudigen AK47 (oder ein Produkt von Heckler & Koch) einer freien Diskussion nicht unbedingt freudig gegenüber steht, und lieber sein Gerät für sich sprechen lässt? Haben wir – Gottseidank – vergessen, wie sich Willkür, Brutalität, Tod und Tyrannei auswirken?

Ja. Ja. Ja und Ja.

Während wir um 20:00 Uhr pausieren und uns ein Schnittchen von der Herzallerliebsten, mit Käse und Gürckchen, zur „Tagesschau“ reichen lassen, oder schlimmstenfalls das Brot selbst zubereiten müssen, da die Herzallerliebste nichts davon hält uns zu bedienen, läuft in der Welt, von der wir uns da berichten lassen, ein anderer Film, eine andere Wirklichkeit. Eine Welt, in der das Leben eines Einzelnen unter Umständen nichts zählt. Eine Welt die uns nicht kennt, und die wir oftmals für Fiktion halten können, da unsere Wirklichkeit, mit den vielen Regeln und geordneten Prozeduren, mit dieser nichts gemein hat. Gar nichts.

Da ist es auch nur eine Randnotiz, wenn Haiti weiter untergeht. Wenn der „arabische Frühling“ nur für uns existiert, für die Nordafrikaner aber immer noch ein Kampf ist, dort Menschen immer noch sterben. Dort die Ungerechtigkeit immer noch permanent real und lebensbedrohlich ist. Wenn in Somalia Kenia einrückt. Wenn die Türkische Armee im Nordirak operiert. Der fürchterliche Assad Schießbefehle gegen friedliche Demonstranten gibt. Wenn China wiedermal Bürgerrechtler einsperrt. Wenn ein vermeintlich unschuldiger staatlich verordnet sterben muss.

Wir haben keine Chance. Da kommen wir nicht mit. Wir können hier nichts tun. Insbesondere nicht vom Sessel aus. Und wer von uns ist schon geschult, beispielsweise im Guerillakampf? Deshalb ist die permanente Forderung, das die Welt doch endlich unsere Werte, inklusive eines weitestgehend säkularen Staates mit Gewaltentrennung und sowas wie Demokratie, und einer Verfassung die den Einzelnen vor willkürlichen Übergriffen des Staates schützt, ein geübter Reflex. Ein Ersatz. Eine Übersrpungshandlung, vielleicht sogar auch ein Wunsch. Eventuell auch eine Verzweiflungstat. Da bin ich mir aber nicht sicher. Eines ist sie auf keinen Fall:

Eine Lösung.

In dubio pro reo.

Es gibt vieles, was man alles nicht leiden kann, wenn es einen nur allzuoft und allzu unangenehm um die Ohren gepfeffert wird. Ich mag, zum Beispiel, keine Paare, welche gerade die ersten Früchte ihrer Fortpflanzungsbemühungen erleben dürfen. Ich mag weder deren behämmertes Grinsen, dass „wir sind ja so erfüllt und alles ist jetzt anders“-Gehabe, noch die aufdringliche Art und Weise mich dazu zu nötigen irgendeine Haltung zu deren Sprösslingen einnehmen zu müssen. Meist, und eventuell kennen das einige, sind die stolzesten Eltern auch gleichzeitig diejenigen, die die hässlichsten Nachkommen produzieren. Wo wir gerade dabei sind: Ich mag ebenfalls keine Insekten. In keiner Form. Ganz egal ob sie nützlich sind. Auch Spinnen finde ich unsagbar ekelhaft. Deshalb werde ich niemals ausserhalb der gemäßigten Klimazone Urlaub machen. Auch sind mir Menschen, die Ihre Religiosität nicht für sich behalten können, zutiefst suspekt. Überhaupt zweifele ich generell am Verstand des Gegenübers, wenn mir nur lang genug unangebrachte Fröhlichkeit (Liebe und Frieden, und so!) entgegenschlägt.

Am meisten aber, stört mich die deutsche Medienlandschaft, wenn etwas stattfindet, was mit einem Satz von Anne Will nicht zu erläutern ist. Der olle Schwerenöter Kachelmann und das Drama seiner Verhandlung, beispielsweise. Nach mehr als 40 Verhandlungstagen hat alles Schaden genommen, was nicht bei drei zurück in die Höhle war. Nehmen wir Frau Schwarzer. Sie saß heute, in der gewohnt jovialen Stimmung, in einer Talkrunde der ARD, und gibt darin zum besten, was immer sie glaubt bestens geben zu müssen. Mittendrin schwadronierte sie, das sie „eine journalistische Aufgabe während der Verhandlung“ inne hatte. Was immer Frau Schwarzer zu glauben meint: Sie irrt. Ihre „journalistische Aufgabe“ ist bereits mit der Wahl des Mediums – der Bild-Zeitung – gescheitert, spätestens aber dann, als sie Partei ergriff und eben jene journalistische Objektivität verließ, um irgendwas anderes zu machen. Was auch immer das war, angesiedelt zwischen boulevardeskem Meinungsschüren und Ihrer natürlichen Intention einigermaßen gradlinig für eine ausgewogene Rolle der Frau in dieser Gesellschaft zu kämpfen. Alles also, aber eben nicht Journalistik. Inmitten der Sendung sitzt eine rüstige Ingrid Steeger, deren leise vorgetragene Geschichte wirklich eine Geschichte ist, und es verdient hätte in einen passenden Kontext würdevoll aufgearbeitet zu werden, solange es im gegenseitigen Sinn ist. Passt aber nicht. Man braucht gerade jemanden der zum Thema „Vergewaltigung“ ein „kenne ich!“ in die Kamera nicken kann. Das wirkt so herrlich ausgewogen. Interessieren tut es in der Tat keinen. Viel zu viele Facetten. Kümmern wir uns lieber um den geilen Promi und um die olle Feministin.

Es bleibt nichts erspart. Das dümmliche Gerede der Medien, auch von renommierten Häusern wie der Zeit, von Freisprüchen irgendwelcher Güte, erster oder zweiter Klasse, das aggressive Vernachlässigen der Tatsache, das es diesen Unterschied in der Juristik schlichtweg nicht mehr gibt, es aber trotzdem besser wirkt, wenn man noch irgendwas irgendwie drauf setzen kann. Ähnlich wie bei Fukoshima, als man lechzend die nächste Explosion herbeisehnte, sich die nächste Handykameraaufnahme der Flut erkaufte, nur damit es noch nicht zu früh vorbei ist. Das gierige Schielen auf Verkaufs- und Einschaltquoten, das entsetzlich rücksichtslose Heischen nach Aufmerksamkeit, die Inkaufnahme des allergrößten Schwachsinns ist wiedereinmal das Resultat einer Titelgeschichte, die – wie nur allzu oft – mit dem Kern nichts gemein hat.

Hat es denn wirklich jemanden interessiert, ob Herr Kachelmann jemanden vergewaltigt hat? Oder war es nicht viel interessanter, das er es hätte tun können, dass wir es ihm zutrauen, dass die schiere Länge des Verfahrens an sich schon spektakulär ist, und wenn wir es Kachelmann zutrauen, was trauen wir dann Jan Hofer zu? Ist jeder Promi jetzt geil und ein potentieller Vergewaltiger? Oder jeder Mann? Oder einfach jeder? Egal ob Frau, Mann, Katze oder Hund. Alle wollen das gleiche, mit den gleichen perversen Mitteln? Auch die Katholiken? Die Welt ist schlecht, und die Medien brauchen und begehren das.

Ebbt der nahe Wahnsinn ab, sterben hierzulande weniger an ein Darmbakterium, ist irgendein Promi gerade nicht im Knast oder tot, oder beides, dann bastelt man bereits am nächsten Schockeffekt. Als fiele es nicht auf, dass Hungerkrisen und afrikanische Nahkriegsumstände sich immer dann in den Vordergrund schummeln, wenn nichts mehr anderes bleibt. Glücklicherweise müssen wir nicht mehr oft nach Somalia oder Haiti blicken: Lybien und Griechenland sind ja derzeit dauerspektakulär. Es scheint manchmal beinahe bemitleidenswert, das unsere Medien mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit umgehen müssen. Hier ist eben nichts los. Alle paar Jahre passiert mal was. Zwischendurch muss man aus wenig viel machen, und den Rest füllt man mit Nachrichten aus dem Ausland die, wären Sie nicht mit einem Bodycount oder sonstigen reißerischen – der Panikmache zuträglichen – Effekten bestückt, keinen wirklich interessieren würden.

Ich mag unsere Medienkultur nicht. Auch den Kachelmann nicht, mochte ihn, mit seinen Fusselbart, noch nie.

Erdbeereis hingegen finde ich großartig.

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